Muskuläre Dysbalancen

Die Figur steht nur auf dem rechten Bein

Die Figur steht nur auf dem rechten Bein


Der Anfang der Pilatesstunde in der letzten Woche begann wie häufig im Stehen. Meine übliche Anleitung für den anatomisch korrekten Stand lautete: „Füße parallel, hüftgelenksbreit aufstellen. Der zweite Zeh steht in der Verlängerung der Fersenmitte.“

Matthias W. sagt, wenn er so stehe, fühlt sich das sehr unnatürlich an. Gleich sind einige andere Kursteilnehmer ebenfalls dabei, dass dieser Stand nicht ihr üblicher ist, es an mancher Stelle sogar zieht.
Ich fordere Matthias auf, sich bitte so hin zustellen, dass es sich natürlich anfühlt. Er verlagert das Gewicht auf sein rechtes Bein und stellt das linke mit dem Fuß nach außen. „So fühlt es sich natürlich an“ meint er. Ich mache ihn darauf aufmerksam, dass der größte Teil seines Gewichts auf dem rechten Bein steht, die Beine eine unterschiedliche Drehung haben.

„Natürlich anfühlen“ bedeutet nicht immer und für jeden, dass er oder sie nun richtig im anatomisch korrekten Sinn steht. Viele Menschen stehen mit den Füßen zu weit auseinander, die Innenmuskulatur der Beine ist eher schwach, die äußere zu stark. Mancher steht gerne wie Matthias mit mehr Gewicht auf dem linken Bein, andere mehr auf dem rechten.

Stehen wir auf einem Bein, schieben wir unser Becken in diese Richtung und schon ist die schiefe Haltung im gesamten Körper. Unser Haltungs- und Bewegungsmuster hat sich verändert und das manifestiert sich mit jedem Mal mehr, wenn wir so stehen oder uns bewegen.
Ein anderes Beispiel – überwiegend ein weibliches Phänomen – ist die schwere Handtasche auf einer bestimmten Schulter. Hier verspannen sich unsere Schulter- und Nackenmuskeln. Dadurch arbeiten wir mit einer Körperseite mehr, um nicht zur anderen Seite umfallen.

Egal, ob eine Verschiebung nun von oben oder von den Füßen her kommt oder sogar von beiden Punkten, wir arbeiten uns jeden Tag weiter in diese falsche Bewegung und Haltung hinein. Die Entfernung zu unserer gesunden und richtigen Haltung wird größer. Wenn wir diese einnehmen sollen, dann zieht es an manchen Stellen, etwas instabil, es fühlt sich nicht richtig an. Denn in der Zwischenzeit haben sich unsere Muskeln, Faszien und Knochen einfach an diese Ausrichtung gewöhnt. Die Muskeln der beanspruchteren Seite mussten stärker werden um uns über eine längere Zeit in dieser falschen Haltung zu unterstützen. Jetzt sind die Muskeln der beiden Körperseiten, der Zug und Druck auf ein Gelenk unterschiedlich stark und wir sprechen von muskulären Dysbalancen.
Wenn wir uns nun anatomisch richtig hinstellen und dabei genau die zu starken Muskeln dehnen oder die schwachgewordenen Muskeln mehr arbeiten müssen, kann sich das unangenehm anfühlen. Der natürliche Reflex ist wieder zurück in die „falsche“ Haltung zu fallen, wodurch die Dysbalance nur noch stärker wird. Wir geraten also noch tiefer in eine falsche Haltung.

Damit wir falsche Haltungen und Bewegungen nicht verinnerlichen, ist es wichtig, regelmäßig unseren Körper auszurichten und unser Bewusstsein für ein natürliches Gleichgewicht zu schärfen. Selbstverständlich darf ich auf einem Bein mehr Gewicht haben, aber nicht ständig. Ich bleibe in Bewegung, verlagere auf die andere Seite und bewege mich auch wieder richtig. So bleiben meine Muskeln auf jeder Körperseite gleich stark und lang.

Matthias wird zukünftig auch im Alltag hin und wieder bewusst auf seine Fußausrichtung achten und sein Gewicht gleichmäßig auf beide Füße verteilen. Die rechte Beinseite wird er etwas mehr entspannen, die Muskeln der Außenrotatoren am linken Bein ebenfalls. Die Muskeln für die Innenrotation hingegen hat er bereits in dieser Stunde kraftvoll gefordert.

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